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Bankett mit Drachenkämpfen

Source: Handelsblatt
Date: November 2003

von Harald Maass, Peking

Bei Geschäftsessen wird in China manches exotische Gericht aufgetischt China gilt als einer der wichtigsten Zukunftsmärkte und zieht immer mehr deutsche Unternehmen an. Wer im roten Riesenreich erfolgreich Geschäfte machen will, muss indes nicht nur mit Essstäbchen umgehen können.

Wenn Nandani Lynton zu Verhandlungen in Chinas Provinzen reist, ist sie kulinarisch auf alles vorbereitet. "Einmal gab es Blutsuppe zum Frühstück", sagt die Unternehmensberaterin. Lynton ließ sich jedoch nichts anmerken. "Ein großes Festessen ist in China ein Zeichen der Gastfreundschaft und oft ein Teil der Vertragsverhandlungen", sagt die 45-Jährige. Kaum etwas in China ist so wichtig wie das Essen. Die große Bedeutung der Nahrungsaufnahme wird schon in der Sprache deutlich. Bei der Begrüßung auf der Straße sagen die Chinesen nicht "Guten Tag" sondern "Chi le ma?" (Schon gegessen?). Am chinesischen Neujahr, dem Mondfest, bei Hochzeiten, Geburtstagen - eigentlich bei jeder Gelegenheit wird in China ein großes Festmahl aufgefahren. Dann biegen sich die Tische unter so köstlichen Gerichten wie Aubergine mit Fischgeschmack, geräucherten Peking-Enten oder Hangzhou-Fisch mit süßer brauner Sauce.

Das Essen spielt auch in der Geschäftswelt eine wichtige Rolle. Früher wurden wichtige Gespräche ins Teehaus verlegt, wo man gleichzeitig kleine Leckereien zu sich nahm. "Bei Verhandlungen sind Essenstermine sehr wichtig", sagt Lynton. Oft werden Verhandlungen tagsüber von den chinesischen Partnern nur als Vorgespräche angesehen, die eigentlichen Entscheidungen werden beim Essen getroffen. Dabei ist die Auswahl des Restaurants und der Teilnehmer an dem Bankett ein Signal für den Fortschritt der Verhandlungen.

"Wenn plötzlich der Chef zum Abendessen lädt, ist das ein Zeichen für die Bereitschaft zum Abschluss", sagt Jürgen Kracht von der Unternehmensberatung Fiducia in Hongkong. Die Klasse des Restaurants sei Ausdruck für die Wertschätzung und den Rang des Gastes. Die Preisskala ist nach oben offen. Eine Portion des "Japanischen Königs-Seeohr" wird in dem Pekinger Gourmetrestaurant Ayi Abalone für 7800 Yuan verkauft. Das sind umgerechnet 800 Euro. Teuer, weil exotisch sind auch Gerichte wie "Regenbogen Vogelnester" oder "Durchs Herz gestochene Schildkröte".

Weil sich Regierungskader oft mit teuren Esseneinladung bestechen lassen, sind Edelrestaurants heute ein großer Wirtschaftszweig. Selbst in den ärmsten chinesischen Kreisen gibt es Schlemmertempel für lokale Kader. Offiziellen Schätzungen zufolge wurden im vergangenen Jahr 500 Milliarden Yuan in China für Restaurants ausgegeben, ein Fünftel davon waren Regierungsgelder. Ein Restaurant in der nordchinesischen Stadt Changchun schmückt seinen Speisesaal mit dem Gedicht: "Revolution heißt: Schlemmen und Trinken!"

Dass Essen ein Zeichen der Macht ist, unterstreichen die Namen vieler Gerichte. "Longhudou" (Der Drachen bekämpft den Tiger) ist ein im Süden beliebtes Gulasch aus Schlange und Wildkatze. Manchen westlichen Gäste mag bei solchen Gerichten der Appetit vergehen. Für die Gastgeber sind teure Gerichte jedoch ein Zeichen der Wertschätzung. Gerade bei Vertragsverhandlungen wird deshalb oft Exotisches aufgetischt.

Von ausländischen Gästen werde nicht erwartet, dass sie jedes Gericht mögen. "Man muss nicht alles essen", sagt der Unternehmensberater Kracht und rät im Zweifelsfall, sich an das Gemüse und die Suppe zu halten. Wichtig sei jedoch, dass die ausländischen Besucher mit Essstäbchen umgehen können. "Ich habe auch schon einmal erlebt, dass jemand sein Messer und seine Gabel mitgebracht hat. Das halte ich für einen Affront."

Etwas schwieriger ist es dagegen, sich dem Trinken zu entziehen. Maotai, ein klarer Schnaps, gehört zu jedem chinesischen Bankett. Üblicherweise fordert man sich dann gegenseitig mit Ehrbekundungen und höflichen Reden gegenseitig zum Trinken auf. "Ganbei" (Leert das Glas!) lautet der chinesische Trinkspruch. Von ausländischen Gästen wird eine rege Teilnahme erwartet. "Für Männer ist es sehr schwierig, das Trinken abzulehnen", sagt die Beraterin Lynton. Wer nicht viel verträgt, sollte am besten von Beginn an jeden Alkohol ablehnen. "Das wird meist respektiert." Häufig entwickelt sich das Schnapstrinken in China jedoch zu einem Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer ihre Männlichkeit unter Beweis stellen. "Ich werde oft von meinen Regierungspartnern beim Essen regelrecht zum Wettsaufen herausgefordert", sagt ein Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Dabei sind allerlei Tricks und Kniffe im Spiel. Manchmal kreisen zwei Schnapsflaschen am Tisch, wobei die der Gastgeber nur mit Wasser gefüllt ist. Eine beliebte "Angriffstaktik" ist, dass mehrere Männer den Gast abwechselnd mit höflichen Reden zum "Ganbei" auffordern. "Nach drei Runden ist man völlig besoffen", sagt der GTZ-Mann. Als Abwehrtechnik bietet sich der "Serviettentrick" an. Statt den Schnaps runterzuschlucken, wird er einen Moment im Mund gehalten, und dann unauffällig in die Stoffserviette gespuckt. Das Tuch wird dann unter dem Tisch ausgewrungen.

Auch wenn das alles etwas anstrengend klingt. Kulinarisch und gesellschaftlich seien Geschäftsessen in China ein Erlebnis und meistens auch ein Genuss, berichten Lynton und Kracht übereinstimmend. Wer mit dem chinesischen Schnaps Probleme hat, für den hat der Unternehmensberater Kracht noch einen anderen Tipp: "Ich rate meinen Kunden, sich von einem Arzt ein Gesundheitszeugnis ausstellen zu lassen, dass man keinen Alkohol verträgt."




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