| ||||||
|
|
|
Reich der Mitte lockt deutsche InvestorenSource: Kölner Stadt-Anzeiger von Harald Maass Das rasante Wachstum, vor allem in den Küstenstädten Chinas, zieht immer mehr deutsche Firmen an. Peking - Dieter Schreiber bringt so leicht nichts aus der
Ruhe. Drei Jahrzehnte verbrachte der Kaufmann auf Baustellen in Afrika. Von
Algerien bis nach Zaire war er unterwegs, ließ Hafenanlagen, Staudämme, Brücken
und Straßen errichten. Seit einem halben Jahr ist der 59-Jährige für den
Baukonzern Bilfinger Berger in China und er staunt noch immer. Auf der Fahrt
vorbei an den unzähligen neuen Hochhäusern in Peking bleibt er oft überrascht
stehen. "Das Tempo in diesem Land ist beeindruckend", sagt Schreiber. Schnelle Entscheidungen Die Geschwindigkeit, mit der in China Geschäfte gemacht werden, erlebte Schreiber gleich nach seiner Ankunft. "Die ersten Wochen haben wir Tag und Nacht gearbeitet", berichtet er. Bilfinger Berger, das seit 1995 in Peking ein Jointventure mit einer chinesischen Firma betreibt, bewarb sich um den Bau einer neuen U-Bahn-Linie in der Hauptstadt. Eine Woche nach Angebotsabgabe erhielte der Konzern den Zuschlag für einen Drei-Kilometer-Abschnitt. Auftragsvolumen: 11,8 Millionen Euro. "In anderen Ländern dauert so ein Verfahren Jahre", sagt Schreiber. Für den Konzern ist das jedoch nur der erste Schritt. Bis zu den Olympischen Spielen 2008 sollen in Peking 120 Kilometer U-Bahn-Strecken gegraben werden. Einen Teil davon will Schreiber bauen: "Wir sind sehr optimistisch." Aus anderen Branchen hört man ähnlich Gutes. Viele deutsche Unternehmen in China melden Rekordergebnisse. Volkswagen produzierte 2002 eine halbe Million Autos in Schanghai und Changchun (plus 42 Prozent). Für die Wolfsburger ist China damit der wichtigste Absatzmarkt nach Deutschland. Siemens beschäftigt in China 21 000 Mitarbeiter in mehr als 40 Unternehmen. In Schanghai unterhält das Unternehmen ein hochmodernes Handy-Werk. Bayer und BASF investieren Milliarden in neue Fabriken. Für viele deutsche Unternehmen zahlt es sich aus, dass sie früh in China investiert haben. Volkswagen startete Anfang der 80er Jahre in Schanghai. Heute hat das Unternehmen einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Bilfinger Berger baute Anfang der 90er Jahre das "Lufthansa Center", den ersten modernen Hotel- und Kaufhauskomplex Pekings. 25 Millionen Yuan investierte Dieter Schreibers Firma 1995 in ein Jointventure. Vergangenes Jahr wurde das Kapital auf 100 Millionen Yuan (elf Millionen Euro) aufgestockt. Die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Partner ist nicht immer einfach. Ohne die Erfahrungen und die Kontakte der Chinesen hätte man dort jedoch kaum Fuß fassen können, sagt Schreiber. Nicht nur Großkonzerne setzen auf China. Das rasante Wachstum vor allem in den Küstenprovinzen zieht immer mehr Mittelständler und Kleinunternehmer an. "Der Renner ist Schanghai", sagt Unternehmensberater Kracht. Die Industriemetropole am Huangpu-Fluss hat durch niedrige Kosten bereits Hongkong den Rang abgelaufen. Allerdings würden sich viele Firmen nun auch in den kleineren chinesischen Städten niederlassen. Kracht: "Die Behörden sind dort oft unbürokratischer." Erfolg hat auch der Druckmaschinen-Hersteller Heidelberg. Jahrzehntelang hatte das Unternehmen seine Maschinen nur über einen Agenten in China vertrieben. Vor fünf Jahren beschloss man, in China zu investieren. "Wenn man auf diesem Markt erfolgreich sein will, muss man sich als Unternehmen voll engagieren", sagt Geschäftsführer Chan Seng Lee. Der Malaysier betreut mit 500 Mitarbeitern den wachsenden chinesischen Druckmarkt. Allein in der Provinz Guandong sind in den letzten Jahren Hunderte von Großdruckereien entstanden, oft mit Tausenden Angestellten. "Südchina ist die Druckerei für den Weltmarkt", sagt Chan. Ein Ende des Aufschwungs scheint nicht in Sicht. Im Durchschnitt gibt ein Chinese pro Jahr drei Euro für Gedrucktes aus, in Europa liegt der Schnitt bei 261 Euro. Einfach sei das Geschäft aber nicht. Chinesische Firmen produzierten mittlerweile Kopien von Heidelberg-Druckmaschinen, und verkaufen diese zu Billigpreisen. Unklare Zollbestimmungen behinderten zudem oft die Einfuhr der deutschen Maschinen. Für Heidelberg sei es deshalb wichtig, den technologischen Vorsprung zu halten. Chan: "Die Präzision unserer Maschinen kann so leicht niemand kopieren." Jahrelang hatten ausländische Firmen in China vor allem geklagt, Korruption, Bürokratismus und ein mangelndes Rechtssystem machten den Investoren das Leben schwer. Viele ausländische Firmen schrieben Verluste. Die meisten der Probleme bestehen noch heute. Doch die Unternehmen haben gelernt, sich anzupassen. "Wir werden von Jahr zu Jahr klüger", Jörg Wuttke, Chef der Deutschen Handelskammer in Peking. Statt auf teures deutsches Führungspersonal setzen viele Unternehmen heute auf chinesische Manager. Rückschläge gibt es jedoch noch immer. Vor allem Mittelständler, denen die internationale Erfahrung fehlt, werden von chinesischen Partnerfirmen betrogen und übervorteilt. Bilanzen werden gefälscht, Gelder unterschlagen und Verträge nicht eingehalten. Ein klassisches Muster: Die Angestellten eines ausländischen Investors klauen Maschinen und Know-how und bauen damit eigene Fabriken auf. Die meisten deutschen Unternehmen merken den Betrug erst, wenn es zu spät ist. Da der Gang vor ein chinesisches Gericht aussichtslos ist, ziehen sich die meisten Unternehmen still aus China zurück. Der US-Konzern Unilever schätzt etwa, dass ein Drittel der in Chinas Supermärkten verkauften Kosmetikprodukte Fälschungen sind. Ähnlich hoch ist die Rate bei Maschinen. "Der Markt wird jedoch transparenter", sagt Verena Rothmaier von der Landesbank Baden -Württemberg. Unterschätzt würden aber nach wie vor politische und ökonomische Unsicherheiten. Das Wohlstandsgefälle zwischen reichen Küstenprovinzen und dem armen Hinterland wächst und damit die sozialen Spannungen. Trotz des reibungslosen Machtwechsels in der Führung im Herbst weiß niemand, wie lange die KP das Land noch unter Kontrolle haben wird. Der China-Wissenschaftler Sebastian Heilmann (Universität Trier) sieht grundlegende ökonomische Gefahren, vor allem im Finanzsystem. Die Staatsbanken seien faktisch bankrott. Durch die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf Massenkonsumgüter gebe es zudem vielfach Überkapazitäten und Preisverfall. Korruption und Zensur machen die Bilanzen und Eigentümerstruktur chinesischer Firmen undurchsichtig. "Das Vertrauen in die Börsen in Schanghai und Shenzhen ist zerstört", sagt er. Viele ausländische Firmen übersähen die Risiken und hofften, dass die Regierung die Probleme in den Griff bekomme. "Die Politiker verschweigen die Probleme nicht und haben die Macht zur Veränderung", sagt Wuttke. Heilmann ist weniger optimistisch: "Es ist ausgeschlossen, dass wirtschaftlich und politisch in den nächsten zehn Jahren alles glatt geht." |
|||||
|
2007 Copyright © Fiducia Ltd., All rights Reserved. Contact Fiducia | Privacy | Disclaimer |