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Auch nach Chinas Beitritt zur WTO brauchen Anleger Geduld

Source: Finanz und Wirtschaft
Date: 05 January 2002

von Thomas Pentsy
Auch nach Chinas Beitritt zur WTO brauchen Anleger Geduld Viele Unternehmen sind auf die härter werdende Konkurrenz schlecht vorbereitet - Nachbarländer zwischen Hoffen und Bangen.

von Karl Kränzle
Hongkong

Für China war 2001 ein Jahr der wirtschaftlichen Erfolge und diplomatischen Durchbrüche. Während eine asiatische Volkswirtschaft nach der andern stagnierte oder gar in die Rezession driftete, blieb die Volksrepublik auf Wachstumskurs. Am B-Aktienmarkt von Schanghai (offen für Ausländer) kam es zu Kursavancen von gut 90%, und bei den ausländischen Direktinvestitionen war das Land ein weiteres Mal die attraktivste Destination in Fernost. Die Vergabe der Olympischen Spiele 2008 und der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) gelten zunächst vor allem als Prestigeerfolge für die politische Führung. Sie werden aber über kurz oder lang die weitere Öffnung und Integration des Landes in die Weltwirtschaft vorantreiben.

Weil Tausende von Gesetzen revidiert werden müssen und die Beseitigung von Aussenhandelsbarrieren und Restriktionen mindestens nochmals fünf Jahre dauert, bleibe die Geduld weiter das Schlüsselelement jeder erfolgreichen China-Strategie, urteilt Fiducia Management Consultants, die in Hongkong, Schanghai, Schenzhen und Beijing ausländische Unternehmen und Investoren über Chancen und Risiken in der Volksrepublik berät.

Schmerzvolle Anpassungen

Selbst unter den günstigsten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wäre der Beitritt zur WTO mit beträchtlichen Risiken und schmerzlichen Opfern verbunden gewesen. Weil sich das Wachstumstempo nun auch in China verlangsamt, erhöht das den Grad der Unsicherheit. Zu den wichtigsten Neuerungen kommt es für Banken, Versicherungen, Autoproduzenten, Telekommunikation und Landwirtschaft. Ausländische Banken dürfen in zwei Jahren mit chinesischen Unternehmen und in fünf Jahren mit Retail-Kunden Geschäfte in lokaler Währung machen. Im Wertpapierhandel und Fondsmanagement erhalten Ausländer die Erlaubnis, sich zu 30% an lokalen Instituten zu beteiligen. Weil die Risiken aber als sehr hoch gelten und die meisten ausländischen Banken in Schanghai weiter rote Zahlen schreiben, rechnet Fiducia innerhalb der nächsten fünf Jahre mit keiner fundamentalen Veränderung der chinesischen Kreditwirtschaft.

Bis zum Jahr 2006 muss China die Einfuhrzölle auf Personen-und Lastwagen von derzeit 80 bis 100 auf 25% reduzieren. Beijing hat sich auch verpflichtet, ausländischen Produzenten bereits in zwei Jahren die Erlaubnis zur Herstellung von Automotoren zu erteilen. Die stärkere Nachfrage nach Motorfahrzeugen im Zug des WTO-Beitritts könnte der Wirtschaft frische Wachstumsimpulse verleihen. Die Konsumenten gehören zu den Nutzniessern, während es bei den Produzenten wegen Überkapazitäten und Ineffizienz zu Betriebsschliessungen, Pleiten und Fusionen kommen wird. Neue Investitionsvorhaben von Motorola zeigen, wie sehr sich Chinas Telecommarkt im Umbruch befindet. Der US-Konzern will über die nächsten fünf Jahre 6,6 Mrd.$ in China investieren und die Produktion jährlich verdoppeln. Seit Motorola 1992 im Reich der Mitte zu produzieren begann, hat das Unternehmen bereits 3,4 Mrd.$ investiert.

Zuversicht in Hongkong

Obschon China während 14 Jahren über den WTO-Beitritt verhandelt hatte, sind die grossen Staatsunternehmen in der Automobil-und Stahlindustrie sowie in der Petrochemie auf die härter werdende Konkurrenz aus dem Ausland auch jetzt noch schlecht gerüstet. Sie hatten 50 Jahre lang unter dem Schutz hoher Zollmauern und restriktiver Einfuhrquoten gestanden. Gemäss konservativen Schätzungen werden in diesen Branchen mindestens nochmals 12% aller Arbeitsplätze verschwinden. Die Beratungsfirma Fiducia ist der Meinung, dass die Regierung versuchen könnte, die Liberalisierung mit der Errichtung informeller Barrieren zu umgehen und die Marktöffnung in die Länge zu ziehen, wenn der soziale Druck zu stark wird.

Zu einem Exodus vom Land in die Städte und zur sozialen Entstabilisierung könnte es auch kommen, wenn die Einfuhrzölle auf Getreide in Übereinstimmung mit den WTO-Auflagen von 22 auf 17% gesenkt und Subventionierungen anderer Landwirtschaftsprodukte verringert werden. Produzenten aus Europa, Australien und den USA drängen mit Getreide, Sojabohnen und Mais, die nur halb so viel kosten, auf den chinesischen Markt. 800 Mio. Chinesen leben von der Landwirtschaft.

Aus Umfragen in Hongkong geht hervor, dass Wirtschaftsvertreter von Chinas WTO-Beitritt eine deutliche Belebung der Geschäftsaktivität erwarten. Schätzungen zufolge wird Hongkongs BIP über die nächsten fünf Jahre jährlich 1% zusätzlich expandieren. Zu den Nutzniessern gehören Anbieter von Finanzdienstleistungen und Reedereien. Unter die Zuversicht mischt sich allerdings die Sorge, dass Schanghai wirtschaftlich rasch aufholen und sich der Rückstand auf Hongkong weiter verringern werde. Vor zehn Jahren war Schanghais Wirtschaftsleistung fünfmal kleiner als diejenige Hongkongs; jetzt ist sie noch dreimal niedriger.

Weniger Klarheit gibt es in Bezug auf Taiwan. Der Inselstaat hat eine geschützte und leistungsschwache Landwirtschaft, aber dynamische Elektronik-und Technologieproduzenten. Viele Taiwaner machen sich Sorgen, dass nicht nur der Agrarsektor, sondern auch die Industrie durch Exporte vom chinesischen Festland in Bedrängnis geraten könnte. Die grössten Bedenken haben indes diejenigen Nachbarländer in Südostasien, die es versäumten, auf die Produktion höherwertiger Güter umzustellen. Für sie könnte China zu einem gefährlichen Rivalen werden. Profitieren dürften andrerseits Volkswirtschaften, denen wie Singapur und in vermindertem Grad auch Malaysia der Sprung zur Herstellung höherwertiger Produkte gelungen ist und die voraussichtlich verstärkt nach China exportieren werden.




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