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Bei Chinas Konsumenten können sich nur Spitzenprodukte profilieren

Source: Handelsblatt
Date: 29 September, 1999

von Anne Grüttner

Für ausländische Investoren ist der Markteinstieg nur mit qualitativ hochwertigen Nischenprodukten ratsam - Chancen bei Umwelt- und Agrartechnik

Die Zeit, als es in China auf den schnellen Markteinstieg ankam und ausländische Produkte sich ohne Konkurrenz etablieren konnten, ist vorbei. Bestes Beispiel ist der Konsumgütermarkt, wo die Zahl der 1,2 Milliarden potentiellen Kunden weiter falsche Erwartungen erwecken.

"Ausländer haben die einheimische Konkurrenz im Konsumgüterbereich total unterschätzt", kritisiert Jürgen Kracht, Chef der Beratungsfirma Fiducia Limited in Hongkong und China. "Chinesische Firmen wie Haier, Kelon und Konka exportieren heute sogar Waschmaschinen nach Japan und Kühlschränke in die USA." Ein hohes Überangebot bei fast allen Konsumgütern führe zu mörderischen Preiskämpfen.

Manchmal scheine es, als gäbe es zwei Chinas, heißt es in einer Fiducia-Studie über europäisches Investment in China: das alte China, wo die Behörden Konkurrenz "verwalten", um ihre einheimische Industrie zu schützen. Sie zögen die Fäden und stellten Forderungen an multinationale Firmen - etwa in den Branchen Telekomausrüstung, Automobile, Chemieprodukte. Und es gebe die Entwicklung eines "neuen, marktgesteuerten China" - dies gelte vor allem für Konsumgüter von Shampoo bis zu Fast Food.

Fixe Konkurrenz jagt die Vorreiter

Auch Hardy Boeckle von der Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft in Peking betont, man müsse sich heute Nischen in den einzelnen Branchen gezielt heraussuchen: "In Wachstumsbranchen wie dem Telekommunikationssektor ist die Konkurrenz bereits sehr groß. Bis man anfängt zu produzieren, sind schon zu viele andere da." So sei im Energiesektor der Kraftwerksbau weitgehend ausgeschöpft. Gute Einstiegschancen gebe es derzeit aber noch im Bereich Distribution, beispielsweise bei Trafosystemen. Doch "verkauft man solche Systeme am besten nach China, anstatt sie hier herzustellen", sagt Berater Kracht. Das Problem des Know-how-Transfers und Fragen der Qualität und Produktivität machten eine Produktion in Deutschland in diesen Bereichen ratsam. Produktpiraterie bereitet Investoren in China noch immer großes Kopfzerbrechen.

Für Frustration bei den Deutschen sorgt der Bereich Umwelttechnik. Zwar geht ein Großteil deutscher Entwicklungshilfe in Umwelttechnologieexporte nach China. Aber wer hier keine eigene Finanzierung mitbringt, hat bisher wenig Chancen auf gute Geschäfte. "Man muß wohl noch ein bißchen warten, bis die Chinesen ihre primären Bedürfnisse erfüllt haben und Finanzmittel für Umweltschutz übrig haben", sagt Boeckle. "Umwelttechnik ist auf jeden Fall ein Zukunftsmarkt in China. Die Frage ist nur: wann?"

Der Bereich Umwelt hat allerdings bereits ein gewisses Geschäftspotenzial, wenn man sich auf ausländische Firmen als Kunden konzentriert. So mußte die US-Firma Kodak kürzlich eine ihrer Fabriken in China schließen, weil dort Umweltauflagen verletzt wurden. Zunehmend werden ausländische Investoren in China auf moderne Umwelttechnologie angewiesen sein, um solche Fälle zu vermeiden.

Wichtig ist den Chinesen traditionell die Landwirtschaft. Noch immer wird großer Wert darauf gelegt, daß sich das Land im Notfall selbst versorgen kann. Produkte wie neuartige Pflanzenwachstums- oder Insektenvernichtungsmittel, welche die Erträge steigern helfen, sind willkommen. "Bewässerungssysteme sowie der gesamte Maschinenpark im Agrarsektor sind Bereiche, wo die Deutschen noch einiges tun können", sagt Kracht. Allerdings ist China im Maschinenbausektor nach wie vor sehr rückständig. Die Kooperation beschränkt sich bisher auf den Import. Etwa zwei Drittel aller ausländischen Maschinen in China sind importiert beziehungsweise auf der verlängerten chinesischen Werkbank zusammengebaut.

Der Landwirtschaftsbereich bietet gute Chancen auch für den Automobilsektor. "Bei Traktoren oder Universalautos, die sowohl auf dem Feld als auch als Tiertransporter einsetzbar sind, besteht eine große Nachfrage", betont Kracht. Das gelte für alle Spezialfahrzeuge.

WTO-Beitritt wird den Automarkt aufmischen

Im PKW-Bereich, wo die Deutschen mit VW bisher den Markt anführen, werden nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO vermutlich die Karten neu gemischt. Die Branche und das ganze Zubehör ist bisher noch sehr rückständig. Die Volkswagen AG, die in China bisher vor allem mit den in Deutschland ausrangierten Santana-Modellen Gewinne macht, wird sich im Zuge von erleichterten Marktzugangsbedingungen mit dem WTO-Beitritt stark umstellen müssen. "Da werden nur noch die neuesten Produkte laufen, und schon kleinste Preismargen oder Qualitätsunterschiede können einen großen Unterschied machen", warnt Boeckle.

Gute Chancen könnte eine WTO-Mitgliedschaft Chinas für Autohersteller mit Produktionsstandorten außerhalb Chinas bieten. "Wenn der Automarkt im Rahmen des WTO-Beitritts liberalisiert wird, können Firmen auch von kostengünstigen und qualitativ hohen Produktionsstandorten wie Südkorea aus nach China liefern", sagt Kracht.

Vielversprechende Chancen bieten auch die ehrgeizigen Pläne chinesischer Stadtregierungen im Bereich Nahverkehr. Chinas Städter können sich zunehmen ein eigenes Auto leisten. Die Innenstädte leiden unter ständig verstopften Straßen, die Luftverschmutzung nimmt unerträgliche Ausmaße an. Diesem Übel wollen die Stadtväter durch Großinvestitionen in den öffentlichen Nahverkehr abhelfen. U-Bahn-Projekte oder die Elektrifizierung von Strecken gehören dazu. Auch im Bereich Busse und Eisenbahnen haben deutsche Zulieferer wie Bosch mit dem ABS-System oder die Firma Voith mit Getrieben eine großen Markt. "Bremsen, Antrieb, Getriebe, die gesamte Elektronik, da besteht ein enormer Bedarf", berichtet Kracht.

Im Zuge der Privatisierung des chinesischen Wohnungsmarktes sind schließlich auch die gesamte Bauindustrie und alle Bereiche der Inneneinrichtung aussichtsreich für Investoren. Besonders im mittleren Preissegment reicht das Angebot an Wohnungen noch nicht aus, die Nachfrage nach Baumaterialien und Baumaschinen wird weiter anhalten. Zum ersten Mal können chinesische Familien sich ein eigenes Heim kaufen und haben damit einen starken Anreiz, einige Finanzmittel in die Einrichtung zu stecken. Die Möbelzulieferindustrie oder Hersteller von Fußleisten, Tapeten, Steckdosen und Heizungen können hier mit anhaltendem Wachstum rechnen.

"Es gibt noch immer gute Chancen in China, aber wir mahnen zur Vorsicht", bilanziert Boeckle. Der schnelle Markteintritt sei ein wichtiger Erfolgsfaktor. "Aber noch wichtiger ist, daß man ein Produkt mit hoher Qualität hat, das nicht so schnell nachgemacht werden kann."




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