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China macht Auslandsinvestoren Kopfzerbrechen

Source: Börsen-Zeitung
Date: 28 September1999

von Dr. Karl Kränzle

EU voriges Jahr an der Spitze der Kapitalgeber - Internationale Investoren halten sich zurück


Von 136 in China präsenten Unternehmen aus Europa haben im letzten Jahr 55% die Gewinnschwelle erreicht, während 45% Verluste einfuhren. Nur knapp die Hälfte ist mit der generellen Situation zufrieden, während 42% sagen, die Bedingungen seien zwar "schlechter als erwartet", jedoch "akzeptabel". 11% bezeichnen die Lage als "völlig unbefriedigend". Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Fiducia - ein auf "Greater China" spezialisiertes Institut für Unternehmensberatungen - mit Unterstützung der EU-Delegation und der Deutschen Botschaft in Beijing durchgeführt hat.* Als "Greater China" bezeichnet man das chinesische Festland, Taiwan und das Sonderverwaltungsgebiet Hongkong (SAR).

Dass nur etwa jede zweite ausländische Firma in China Erfolg hat, ist an sich keine Neuigkeit mehr. Zu dem bedenklichen Fazit sind schon frühere Umfragen gelangt. Unklar blieb häufig, warum so viele Unternehmen versagen und sich am Ende zerknirscht aus dem Reich der Mitte zurückziehen. Da bringt die Fiducia-Umfrage etwas mehr Licht ins Dunkel. Eine starke Behinderung für ausländische Investoren liege im Mangel an Rechtsstaatlichkeit, unterstreicht EU-Botschafter Endymion Wilkinson im Vorwort, während der Deutsche Botschafter Hans-Christian Ueberschaer auf die häufigen und oftmals abrupten Änderungen im Steuerwesen hinweist, dann aber mit Zuversicht meint: "Die Studie zeigt, daß es in China für innovative und gut durchdachte Investitionsprojekte große Chancen gibt." Damit ist die positive Grundhaltung der Studie angedeutet. Für ein internationales Unternehmen stelle sich heute nicht die Frage, ob es in China präsent sein wolle, sondern in welcher Form, urteilt das Institut.

"Manchmal sieht es aus, als ob es zwei China gäbe - China als Traummarkt, den es zu erobern gilt, und China, wo dauernd Geld verlocht wird", kommentiert der Verfasser und fährt fort: "Beides stimmt. Es gibt das alte China, in dem die Behörden zum Schutz der einheimischen Industrie den Wettbewerb managen, insbesondere in den Bereichen Telekommunikation, Automobilbau und Chemie. Daneben gibt es aber auch das neue, von Marktkräften angetriebene China, insbesondere im Bereich von Konsumgütern von Shampoo bis zu fast food." Vorbei sind die Zeiten, in denen die Priorität für ausländische Unternehmen in der bloßen Marktpräsenz lag. Die

Strategie hat sich verändert. Vorrangiges Ziel europäischer Firmen sei es, Gewinne zu erzielen bzw. zu steigern, gefolgt von der Vorgabe, den Umsatz zu erhöhen, sagt Jürgen Kracht, Geschäftsführender Direktor von Fiducia in Hong Kong.

Umfragen über Erfolge und Mißerfolge von ausländischen Unternehmen in China - und auch in Japan - leiden häufig darunter, daß die Firmenchefs ungern mit der Wahrheit herausrücken. Nur wenige geben zu, wenn sie versagen, und wer erfolgreich ist, neigt zu Prahlerei und Übertreibung. Um der Gefahr solcher Verfälschungen zu entgehen, sind die Fragebogen an die 136 europäischen Firmen von den Wirtschaftsabteilungen der europäischen Botschaften in Beijing und der Konsulate in Hongkong und Shanghai versandt worden. Die Umfrage war vertraulicher Natur. Fiducia erfuhr die Namen der Firmen und der befragten Manager nicht. Das Institut hat die Ergebnisse lediglich ausgewertet.

Interessant ist, daß die Befragten sich nicht einfach nur über den Mangel an Rechtssicherheit sowie über die ihnen von den Behörden und chinesischen Geschäftspartnern in den Weg gelegten Behinderungen beschwerten. Viele übten

Selbstkritik und sagten, sie hätten unrealistische Erwartungen gehabt, falsches Datenmaterial benutzt, sich unzureichend vorbereitet und das Marktvolumen und Marktpotential schlicht überschätzt. Nicht nur die erfolglosen Investoren fanden, sie hätten den chinesischen Markt überschätzt. Auch 46% erfolgreiche Firmenchefs sagten, in der Überschätzung Chinas liege einer der primären Risikofaktoren. Daraus lassen sich ein paar Lehren ziehen, die wie Binsenwahrheiten klingen.

Viele Investoren sind der Schwärmerei selbsternannter Chinaexperten erlegen, die - oftmals mit Unterstützung der westlichen Massenmedien - völlig unrealistische Erwartungen weckten. Je gründlicher ein Investor die Hausaufgaben erledigt, bevor er sich zu einem Engagement entschließt, desto größer die Erfolgschancen. Ein Rezept für den sicheren Erfolg gibt es jedoch nicht, weder für Direktinvestitionen noch für Portfolioanlagen. Da von den Firmen aus Europa jede zweite zum Teil noch nach Jahren rote Zahlen schreibt, kommt die Studie selber zu dem kritischen Fazit, es gebe sowohl Raum zum Optimismus als auch zum Pessimismus. Dennoch meint Fiducia, daß Europäer, die sich erst jetzt zu Investitionen in China entschließen, mehr Erfolg haben dürften, weil sie aus den in den 80er und 90er Jahren begangenen Fehlern lernen könnten.

Es gibt freilich auch Gründe zu der Annahme, daß das Investieren in China für Ausländer in Zukunft schwieriger wird. In der in Zusammenarbeit mit der EU-Delegation und der Deutschen Botschaft erstellten Studie werden einzelne Gründe erwähnt. Am einfachsten hatten ausländische Produzenten es, als China noch eine Mangelwirtschaft war. Man vergißt leicht, daß das Angebot an Fahrrädern noch in den 80er Jahren weit hinter der Nachfrage herhinkte und Chinesen oftmals Jahre warten mußten, bevor sie sich ein Velo kaufen konnten. Nachdem seither riesige Überkapazitäten aufgebaut worden sind und es 1998 allein in der Pharmabranche für 2 Mrd. US-Dollar überschüssige Ware gab, was zu Preiskriegen und zu einer Verschärfung der deflationären Tendenzen geführt hatte, sind die Herausforderungen ungleich größer als früher. Dazu kommt, daß Chinesen mittlerweile manches selber herstellen und sogar exportieren, was sie vorher im Joint Venture mit Ausländern produziert atten. Das trifft insbesondere für Hersteller von Haushaltgeräten wie Waschmaschinen und Kühlschränken zu.

1999 markiert eine Zäsur. Fast zwei Jahrzehnte lang sind die Auslandsinvestitionen von Jahr zu Jahr gestiegen, in guten wie in schlechten Zeiten und unerwarteterweise sogar nach dem Tiananmen-Massaker im Juni 1989. Im letzten Jahr stand Europa mit 4.5 Mrd. US-Dollar Direktinvestitionen an der Spitze. Insgesamt gibt es jetzt rund 4000 europäische Firmen im Reich der Mitte. In diesem Jahr ist das Wachstum der ausländischen Investitionen zum ersten Mal seit dem Beginn der Reform nicht nur gebremst worden, sondern zum Stillstand gekommen. Die Ökonomen schätzen, daß es 1999 zu einem Rückgang um 20%-30% gegenüber dem Vorjahr kommen werde (von 45.5 Mrd. auf 30-35 Mrd. Dollar). Manche Experten sind der Meinung, daß Chinas Machthaber im Zug dieser Entwicklung ihre Politik ändern werden und ausländischen Investoren gegenüber wieder eine freundlichere Haltung einnehmen könnten.

Mit einer wohlwollenderen Behandlung des ausländischen Investors allein ist es nicht getan. Für den markanten Rückgang der Kapitalzuflüsse gibt es mindestens drei Gründe: Die Tatsache, daß rund die Hälfte der Investments unprofitabel geblieben sind, die starke Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und die Ungewißheit, ob, wann und in welchem Ausmaß der Renminbi abgewertet wird. Solange es mit Bezug auf diese Fragen keine größere Klarheit gibt, ist nicht damit zu rechnen, daß es zu einem erneuten Anstieg bei den ausländischen Direktinvestitionen kommt. Im Kontrast dazu stehen die indirekten Investitionen an den Börsen von Shanghai und Shenzhen, wo Ausländer dieses Jahr außerordentlich aktiv waren und wo die Aktienkurse am Dow Jones 88 Index gemessen fast 40% zugelegt haben.

*Success or Failure? European Investment in China. Past Performance and Future Trends. 155 pages. 149 US-Dollar.




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