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Schluss mit noch mehr Kühlschränken und Apfelsaft

Source: Frankfurter Rundschau
Date: 01 September 1999

von Harald Maass

Im Kampf gegen die Deflation verbietet Peking den Bau von weiteren Konsumgüterfabriken

In den goldenen Tagen des Wirtschaftsbooms hatte man in China ein einfaches Motto: Je mehr, desto besser. Nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft entstanden im Land neue Fabriken etwa für Fernseher, Fahrräder, Kühlschränke. Der Bedarf der 1,2 Milliarden Chinesen nach Konsumgütern schien unersättlich. Immer mehr Produktionsstätten wurden gebaut, immer schneller liefen die Fließbänder und bald wollte jede Provinzstadt ihren eigenen Industriepark einrichten.

Mittlerweile ist Ernüchterung eingetreten. Per Erlaß hat Pekings Zentralregierung jetzt den Bau neuer Werke für gängige Konsumgüter verboten. Der behördliche Bann, der heute [1.9.99] in Kraft tritt, betrifft Elektronik- und Verbrauchsgüter: Klimaanlagen, Kühlschränke, Fahrräder, Mikrowellenherde, Süßigkeiten, Salz, Apfelsaft, Wein und andere alkoholische Getränke. Von all dem gibt es zu viel. Chinas Wirtschaft krankt an Überproduktion.

Das kommunistische Regime schätzt die Überkapazitäten bei Konsumgüter auf 80 Prozent. Jetzt sind die Lagerhallen randvoll und die Anbieter gezwungen, ihre Produkte zu Niedrigpreisen zu verschleudern. Ein Farbfernseher kostet in Peking umgerechnet weniger als 300 Mark, eine Waschmaschine maximal 200, ein Herrenhemd bekommt man schon für vier Mark. „So billig war es noch nie", sagt eine Verkäuferin im Pekinger Guiyou-Kaufhaus.

Mehr Angebot als Nachfrage herrscht auch auf dem Immobilienmarkt. In Shanghai wurden in den vergangenen Jahren hunderte von Hochhäusern aus dem Boden gestampft. Über Nacht sollte die Stadt zu einer internationalen Finanzmetropole ausgebaut werden. Heute stehen 70 Prozent der Büros und Wohnungen leer. In der Küstenstadt Qingdao, einst das Seebad deutscher Kolonialisten, sind weite Uferteile mit halbfertigen Luxusvillen zugepflastert. Da sich keine Käufer finden, verrotten die Häuser. Die Hoffnung auf das schnelle Geld verleitete chinesische Partner dazu, Entscheidungen über Millioneninvestitionen oft aus dem hohlen Bauch heraus zu fällen. Marktanalysen sind unbekannt. Die Leiter von Staatsunternehmen, von denen viele seit den siebziger Jahren ihren Posten haben, kennen sich in Maos Werken noch immer besser als in der Kostenrechnung aus. Der in Hong Kong ansässige Unternehmensberater Jürgen Kracht konstatiert einen weit verbreiteten Mangel an "ökonomischen Grundverstand".

Die Überproduktion ist ein Kardinalproblem für die gesamte Volkswirtschaft. In der Regierung macht sich Angst vor einer Deflation breit. Seit Oktober 1997 sinken Monat für Monat die Verbraucherpreise, im ersten Halbjahr 1999 um 3,2 Prozent. Ob es China gelingt, das angestrebte Wirtschaftswachstum von sieben Prozent in diesem Jahr zu erreichen, bezweifeln Experten.

Pekings Führung hat praktisch alle Register gezogen, um die Nachfrage zu simulieren. Im März verkündete sie ein milliardenschweres, staatliches Infrastrukturprogramm. Die Gehälter der Staatsbediensteten werden dieses Jahr auf einen Schlag um 30 bis 40 Prozent erhöht. Die Staatsbanken wurden angehalten, die Vergabe von Kredite zu erleichtern. Autos, Wohnungen und Urlaubsreisen – künftig sollen die Chinesen mehr als bisher auf Pump kaufen können.

Auftrieb erhoffen sich die Politiker auch von frischem Wind auf dem Wohnungsmarkt. Bislang bezog der Einzelne das Recht auf eine subventionierte Behausung aus seinem Arbeitsverhältnis. Damit soll Schluß sein: In Zukunft werden Wohnungen und Häuser frei gehandelt. Hunderttausende wurden in diesem Jahr bereits privatisiert.

Doch mit einem anderen Problem ist die Regierung bisher nicht fertig geworden: mit der Sparsamkeit ihrer Landsleute. Traditionell halten Chinesen ihr Geld lieber zusammen. Auf Konten liegen derzeit Ersparnisse im Wert von 700 Milliarden Dollar. "Der schwache Konsum liegt nicht daran, daß die Leute kein Geld haben", sagt Shawn Xu von der Finanzfirma China International Capital. Grund sei, "daß sie es nicht ausgeben wollen".




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