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China hat Wein und Räder statt

Source: Kölner Stadt-Anzeiger
Date: 25 August 1999

von Harald Maass

In den goldenen Tages des Wirtschaftsbooms hatte man in China ein einfaches Motto: Je mehr, desto besser. Nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft entstanden überall im Land Fabriken. Fernseher, Fahrräder, Kühlschränke - der Bedarf der 1,2 Milliarden Chinesen nach Konsumgütern schien unersättlich. Immer mehr Fabriken baute man, immer schneller drehten sich die Laufbänder.

Mittlerweile ist Ernüchterung eingetreten. Per Erlaß hat Pekings Zentralregierung jetzt den Bau neuer Fabriken für eine Reihe von Konsumgütern verboten. Der behördliche Bann, der am 1. September in Kraft tritt, betrifft fast alle gängigen Elektronik- und Verbrauchsgüter: Klimaanlagen, Kühlschränke, Fahrräder, Mikrowellenherde, aber auch Süßigkeiten, Salz, Apfelsaft, Wein und Alkohol. von allem hat China zu viel - viel zu viel.

Nach Schätzungen der Regierung gibt es bei 80 Prozent der Konsumgüter Überkapazitäten. Jahrelang errichteten die Staatsbetriebe immer neue Fertigungsanlagen, ohne sich Gedanken über die Käufer zu machen. Jetzt sind die Lager voll und die Anbieter gezwungen, ihre Produkte zu Niedrigpreisen zu verschleudern. Ein großer Farbfernseher kostet derzeit in Peking unter 300 DM, Waschmaschinen weniger als 200 DM. "So billig wie jetzt war es noch nie", sagt eine Verkäuferin in Peking.

Schuld ist oft die Unerfahrenheit chinesischer Manager. Angelockt vom schnellen Geld werden Entscheidungen über Millioneninvestitionen meist aus dem Bauch heraus getroffen. Marktanalysen und Verbraucherumfragen sind unbekannt. Die Leiter von Staatsunternehmen, die oft in den siebziger Jahren an ihre Posten kamen, kennen sich noch immer in Mao Tse-tungs Werken besser aus als in Kostenrechnung. "In den Staatsbetrieben fehlt es oft am ökonomischen Grundverstand", sagt der in Hongkong ansässige Unternehmensberater Jürgen Kracht.




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