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Europäische Unternehmen sehen China-Engagement realistischer

Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Date: 21 June 1999

Stärkere Orientierung am Gewinn I Politisches System Risikofaktor I Ernüchterung über Gemeinschaftsprojekte
Unternehmen aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) haben 1998 in der Volksrepublik China Investitionen für 4,5 Milliarden Dollar getätigt. Im Vergleich zu den Investitionen anderer Staaten waren sie gröer und mit mehr Technologietransfer verbunden. Doch an die Stelle des früheren Wunschdenkens sei inzwischen eine realistische Einschätzung der Marktchancen getreten, berichtet Jürgen Kracht, Direktor der Unternehmens- beratung Fiducia. Diese hat in den beiden zurückliegenden Jahren 136 in China tätige Manager befragt. So achte man bei der Definition des ,,Erfolges" jetzt auf Gewinn und nicht mehr nur auf den Marktanteil oder den Umsatz, hieß es. Der einstige Landesbonus, daß „China anders sei", werde nicht mehr akzeptiert.

Die meisten Unternehmer seien mit dem Ergebnis ihres China-Engagements nicht voll zufrieden. Nur 47 Prozent der Anworten lauteten, daß man zufrieden sei; 11 Prozent seien unzufrieden; 42 Prozent nennen den Erfolg geringer als erwartet, aber noch als akzeptabel. Nur 55 Prozent der Befragten gaben an, das das Unternehmen keine Verluste mehr mache. Dabei sei auffällig, daß 59 Prozent der Gemeinschaftsunternehmen die Gewinnzone erreicht hatten, aber nur 47 Prozent der reinen Auslandsunternehmen.

Kracht warnte deshalb vor den oft überschätzten Möglichkeiten der reinen Auslandsunternehmen: Diese seien nur erfolgreich, wenn sie genaue Marktkenntnisse hätten. Nur 22 Prozent der Unternehmen hätten bisher eine Amortisierung ihrer Investitionen erreicht.

Auffällig sei die allgemeine Einschätzung, daß man auch in China eine Krise erwarten könne. 50 Prozent der befragten sprachen von teilweisen Auswirkungen der asiatischen Krise auf die Geschäfte in China, 16 meldeten sogar starke Auswirkungen. 83 Prozent der Manager beklagten Raubkopien der eigenen Produkte, bei 43 Prozent sogar in zunehmendem Maße. Ebenfalls 83 Prozent meldeten Probleme mit ausstehenden Zahlungen.

Nach wie vor werden die Verwaltungsprozesse in China als zu kompliziert angesehen und die gesetzlichen Grundlagen als ungenügend betrachtet. Auffällig ist, daß das politische System für die Gegenwart und Zukunft wesentlich stärker als Risikofaktor betrachtet wird als in der Vergangenheit.

Erfolgreiche Unternehmen unterschieden sich von den nicht erfolgreichen dadurch, daß sie gründliche Vorbereitungen und Marktforschungen betrieben, eine schrittweise Strategie verfolgt und die Unternehmen dichter am Kunden angesiedelt hätten. Zu den üblichen Fehlern habe eine massive Überschätzung der Nachfrage gehört sowie eine Unterschätzung der Konkurrenz aus China oder anderen asiatischen Produktionsstandorten. Erfolgreiche Unternehmen hätten auch stärker als andere eine sorgfältige Personalpolitik und Ausbildung einheimischer Mitarbeiter betrieben und die Loyalität durch Bonussysteme gefördert.

Bei den Gemeinschaftsunternehmen fällt auf, daß der chinesische Partner in 43 Prozent der Fälle Wettbewerber auf dem gleichen Markt ist. 63 Prozent der Antworten besagten, daß man nicht wieder ein Gemeinschaftsunternehmen gründen würde, wenn andere juristische Möglichkeiten gegeben wären.

Für China, so führte Kracht aus, seien die Auslandsinvestitionen besonders wichtig. 43 Prozent der Exporte würden von Auslandsfirmen erwirtschaftet. Die Hoffnung der Investoren, besseren Marktzugang in China zu erreichen, sei jedoch oft enttäuscht worden. Für die Ausländer gebe es immer noch keine Chancengleichheit in China. Durch einen WTO-Beitritt könne sich die Lage verbessern. Einige Unternehmen hätten schon angekündigt, dann die Investitionen zu steigern.

Sein persönlicher Eindruck sei es, daß vermutlich die Mehrheit der in China tätigen ausländischen Unternehmen keine Gewinne mache, sagte Kracht. Ueberspitzt könne man sagen, eigentlich seien nur die Fluggesellschaften und die Hotels profitabel. Zwischen privaten Auskünften und offiziellen Gewinnaussagen gebe es extreme Unterschiede, hob Kracht hervor und wies auf die Manipulierbarkeit der Zahlen hin. Manche Unternehmen versteckten vielleicht ihre Gewinne in der europäischen Zulieferproduktion, vermuteter.




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