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Laechelnde Braut

Source: Wirtschaftswoche
Date: 13 May 1999


Der Hong Konger Unternehmensberater Jürgen Kracht über die Ernüchterung und die neuen Perspektiven im Chinageschäft

von Frank Sieren

Kracht, 52, gilt als der erfahrenste und erfolgreichste deutschsprachige Unternehmensberater fuer das Chinageschaeft. Kracht leitet seit fast 20 Jahren seine Beratungsfirma in Hong Kong. Das Unternehmen hat ausserdem Bueros in Beijing, Shanghai und in Hong Kongs Nachbarstadt Shenzhen.

Herr Kracht, wird sich die politische Krise zwischen der Nato und China auch zur wirtschaftlichen Krise ausweiten?

Kracht: Das glaube ich kaum. Zwar ist die Bevoelkerung enttaeuscht und veraergert ueber die Nato. Und die Fuehrung versucht mit alIer Haerte, diese Empoerung politisch auszuschlachten. Doch ich denke, dies wird nur von kurzer Dauer sein. Die riesigen Reformen sind ohne das Ausland nicht zu schaffen. Die Fuehrung wird sich ueberlegen, ob sie es sich leisten kann, die Wirt-schaftsbeziehungen mit dem Westen herunterzufahren.

Aber die Stimmung unter den Investoren ist auch ohne die juengsten Zwischenfaelle schon eine Weile gedrueckt. Was ist los?

Kracht: In den letzten Jahren ist man zu blauaeugig in den chinesischen Markt gestuermt, ohne sich dessen Tuecken bewusst zu sein. Da wurden euphorische Machbarkeitsstudien gemacht, die sich in dem Traum von 1,2 Milliarden Konsumenten verloren. Die Schwaechen Chinas hingegen zum Beispiel im Vertrieb wurden schlicht ausgeblendet. Oder es wurde die Abhaengigkeit vom Joint-venture-Partner. Da liegen oft zwei im selben Bett, haben jedoch nicht die gleichen Gedanken und Ziele.

Also sind die westlichen Unternehmen selbst schuld, dass sie in China kein Geld verdienen?

Kracht: Na ja, die Braut hat schon auch ein bisschen gelaechelt. Die chinesische Regierung und die staatlichen Behoerden haben den China-Mythos kraeftig mit aufgebaut. Das war gut gemacht, aber wahrscheinlich ein wenig kurzsichtig. Denn jetzt ist die Ernuechterung um so groesser.

Ist das nicht legitim, dass sich ein Land, das Investoren gewinnen will, von seiner besten Seite zeigt?

Kracht: Sicher. Allerdings sollte der Staat dann auch dafuer sorgen, dass die Spielregeln eingehalten werden, beim Recht und in den Verordnungen. Wenn man die Unternehmen staendig in Grauraeumen agieren laesst und waehrend des Spiels die Torpfosten verschiebt, muss man sich nicht wundern, wenn die Investoren ein wenig kurz angebunden sind, nachdem sie die erste Million quasi als Entwicklungshilfe abgeschrieben haben.

Warum schreit dann bisher kaum eines der in China taetigen deutschen Unternehmen laut um Hilfe?

Kracht: Das ist kein Wunder. Die China-Manager vor Ort trauen sich nicht, die schlechten Erfahrungen, die sie gemacht haben, oeffentlich zu kommunizieren. Jeder arbeitet lieber still weiter vor sich hin.

Warum artikulieren die auslaendischen Manager ihren Frust und ihre Interessen nicht deutlicher?

Kracht: Das hat mehrere Gruende. Der Manager der als China-Experte ins Land geschickt wurde und deswegen vielleicht sogar mehr Geld bekommt als andere daheim, kann schlecht in Filiale herumerzaehlen, wie es zu der Misere kam. Er muss befuerchten, dass das ja immer auch teilweise auf ihn selbst zurueckfaellt. Zudem fuerchten sie schlechte Presse, harsche Reaktionen des Mutterhauses und Repressionen des chinesischen Partners, auf den sie stark angewiesen sind. Wir brauchen ein Klima, in dem man offen ueber die Schwierigkeiten reden kann.

Und bis dahin raten Sie zumindest den MitteIstaendlern aus Deutschland, erst einmal die Finger vom chinesischen Markt zu lassen?

Kracht: Nein, im Gegenteil. China ist als Markt viel zu wichtig, als dass man ihn einfach ausblenden koennte. Ich rate nur, jede Art von Euphorie zu Hause zu lassen, gruendlich zu analysieren und dann in kleinen Schritten zu realisieren, damit man auf die staendigen Veraenderungen des Marktes flexibel reagieren kann. Das Ziel des Unternehmens ist es, Geld zu verdienen. Und wenn die Machbarkeitsstudie ergibt, dass man besser in Thailand aufgehoben ist, dann soll man auch nach Thailand gehen.

Und verpasst darueber womoeglich den richtigen Zeitpunkt, vor den Wettbewerbern als erster das Territorium im Chinamarkt zu besetzen?

Kracht: Das ist auch so ein Bauernfaengerargument: Wer in China zuerst im Markt ist, hat den groessten Spielraum. Das gilt zwar fuer McDonald‘s und Coca-Cola, aber nicht unbedingt fuer den deutschen Mittelstand. Es kann viel sinnvoller sein, mit der zweiten oder dritten Welle zu kommen und von denen zu lernen, die sich hier die Knie schon aufgeschlagen haben. Das spart sowohl Zeit als auch Geld.




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